editorial
Kinder und Karriere
„Kinder machen gelassen.“ Das sagt eine Anwältin auf Seite 53. Wer selbst Kinder hat, wird erst einmal schlucken. Fallen einem doch Tage und Nächte ein, in denen einem die eigenen Kinder – von Krankheit bis hin zu Existenzängsten – alle möglichen anderen Gefühle als denn Gelassenheit beschert haben. In seinem ersten Lebensjahr vollbrachte unser Sohn das Kunststück, sich teilweise mehrfach pro Nacht zu übergeben und dabei zugleich mit der Präzision eines Rasensprengers um 360 Grad zu drehen. Das ständige Aufwachen, Waschen des Jungens und Neubeziehen der Betten kostete wahnsinnig viel Kraft. Es bewies uns aber auch, dass wir diese hatten. Und immer wieder gibt es im Leben Situationen, in denen man sich am liebsten vor der Welt verkriechen würde. Nicht selten sind es die Kinder, die einen dann zwingen, stark zu sein.Denn nur so kann man ihnen Mut machen. Und das bringt einem meist selber den Mut zurück.
Es ist richtig: „Kinder machen gelassen.“ Von Alain Delon stammt der Satz: „Ein Kind bewegt das Oberste zuunterst – und rückt gleichzeitig alle Dinge an ihren richtigen Platz.” Ich bin sicher, dass jede Mutter, jeder Vater mir zustimmt, dass Weinen wie Lachen eines Kindes dazu beitragen, die Dinge – egal ob im Studium, im Referendariat oder im Beruf – an ihren rechten Platz zu rücken. Dass sie dazu führen, Sorgen und Ärger um nur scheinbar wichtige Dinge zu relativieren. Das gilt auch für die Karriere. Nachdem sich meine damals noch in der ersten Instanz tätige Frau mit Erfolg um eine richterliche Beförderungsstelle beworben hatte, kam es zu einem Konkurrentenverfahren. Dieses zog sich durch zwei Instanzen und über Monate hin. Und verfolgte sie gedanklich Nacht für Nacht bis in den Schlaf. Das Gefühl, mit unseren beiden Kindern etwas Wunderbares zu haben, was uns niemand nehmen kann, half ihr, diese belastende Zeit zu durchstehen, die schließlich ein gutes Ende fand.
Kinder zwingen uns dazu, den Alltag klar zu strukturieren und besser zu organisieren. Und lassen uns schnell lernen, wie sich beides machen lässt. Was am Ende auch dem Beruf stark zugute kommt (siehe das Portrait ab Seite 14 und die Reportage über drei Anwältinnen und einen Anwalt ab Seite 50). Jedenfalls gelingt es nach meinem Eindruck überdurchschnittlich vielen Anwältinnen und Anwälten mit Doppelbelastung, auch die beruflichen Anforderungen besonders effektiv und erfolgreich zu bewältigen. Der Anwaltsberuf geht auch mit Kindern! Kinder bringen einen dazu, sich selbst nicht mehr ganz so wichtig zu nehmen. Und ohne Groll zu akzeptieren, dass manche Dinge einfach ihre Zeit brauchen. Kinder bauen Brücken zu neuen Horizonten und anderen Generationen. Ohne meine Tochter wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, mir die CD „Stadtaffe“ von Peter Fox zu kaufen. Schließlich sind Kinder – um es mit Peter Ustinov auszudrücken – die einzige Art der Unsterblichkeit, derer wir sicher sein können. //
Rechtsanwalt Prof. Dr. Wolfgang Ewer, Präsident des Deutschen Anwaltvereins