Anwaltsblatt Karriere

Deutscher Anwaltverein

Anwaltsblatt-Karriere: Editorial

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Türöffner – Türschließer


Liebe junge Kolleginnen und Kollegen,

der Wert von Examina war seit jeher umstritten. Während ihnen Theodor Fontane durch den Vergleich „Gute Zähne sind mindestens so viel wert wie ein Assessor-Examen“ eine letztlich durchaus lebenspraktische Bedeutung zuerkannte, war Oscar Wilde ganz anderer Meinung: „Examen haben keinerlei Wert. Ist ein Mann ein Gentleman, dann weiß er durchaus genug,und ist er kein Gentleman, dann ist alles, was er weiß, wertlos für ihn.“ Dieser Ausspruch steht nicht nur in Widerspruch zu unserem heutigen Genderverständnis. Vielmehr wird er auch der aktuellen Lebensrealität vieler Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger nicht mehr gerecht. Denn sie erfahren mitunter sehr schmerzlich, dass Examens-Ergebnisse „Türöffner“ oder auch „Türschließer“ sein können. Aus meiner Schulzeit kenne ich so einige, die sich durch einen Super-Notenschnitt im Abitur dazu gedrängt sahen, Medizin oder Zahnmedizin zu studieren. Drei davon haben das Studium nach wenigen Semestern geschmissen. Von zwei weiteren weiß ich, dass sie in ihrem Beruf alles andere als glücklich sind. Selbst manche Justizverwaltung ist inzwischen dazu übergegangen, die Berufsanfänger nicht vorrangig anhand der „Papierform“ auszuwählen. Renommierte Anwaltskanzleien entscheiden bei Bewerbungen schon seit langem nicht mehr nach den Stellen hinter dem Komma. All dies zeigt: Gute Noten sind viel, aber nicht alles – und schon gar nicht eine Garantie, erst recht nicht für berufliches Glück und Erfüllung, was unverzichtbare Voraussetzungen dafür sind, um dauerhaft erfolgreich sein zu können. Die richtige Berufswahlentscheidung wird daher neben der Erfüllung der „numerischen“ Voraussetzungen vor allem davon abhängen, dass man sich schon frühzeitig ein möglichst genaues Bild von den Anforderungen des jeweiligen Berufs macht. Das gilt für die Wahl nicht nur zwischen den verschiedenen Rechtsberufen, sondern auch den höchst unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern, die sich innerhalb des breiten Spektrums anwaltlicher Berufstätigkeit bieten. Dabei will Ihnen Anwaltsblatt Karriere helfen, stellt es doch im Portrait, im Interview und mit Berichten, Reportagen und Reports viele Facetten des Anwaltsberufs dar – und mit dem Booklet voller Klausurtipps auf dem Titel wollen wir Ihnen außerdem im Zweiten Examen helfen, weil gute Noten auch vom richtigen Handwerk abhängen. Die gezielte Vorbereitung auf ein berufliches Anforderungsprofil – beginnend bei den Stationen im Referendariat, über die Teilnahme an Einstiegskursen der Deutschen Anwaltakademie, bis hin zur Absolvierung der DAV-Anwaltausbildung – kann auch dazu beitragen, frühzeitig zu erkennen, ob der Einstieg in das juristische Berufsleben der richtige ist. Es lohnt sich daher in doppelter Hinsicht, sich hierfür Zeit zu nehmen. Für Ihr Examen und den Start in den Beruf wünsche ich Ihnen alles erdenklich Gute!

Prof. Dr. Wolfgang Ewer, Präsident des Deutschen Anwaltvereins