Anwaltsblatt Karriere

Deutscher Anwaltverein

Anwaltsblatt-Karriere: Kommentar

anwaltskommentar


Der Appetit kann beim Essen kommen

Text: Dr. Michael Streck

Welchen Rat gibt ein erfahrener Anwalt einer jungen Anwältin? Was soll auf diese Frage ein männlicher Kollege Anwältinnen,zumal jungen Kolleginnen sagen, die vor dem Einstieg in den Anwaltsberuf stehen, ohne sofort dem Verdikt der geschlechts und altersspezifischen Inkompetenz anheim zu fallen? Ich werde weder Erkenntnisse formulieren noch Weisheiten in Sätze gießen, die irgendetwas Allgemeingültiges an sich haben,sondern über Erfahrungen mit Anwältinnen schreiben. Diese sind überzeugend, nicht zwingend, widersprüchlich und stehen unter dem Vorbehalt, dass man eigentlich Erfahrungen
immer weniger übertragen kann, weil der Erfahrungsumschlag in immer kürzeren Zeiten geschieht.Liebe Kollegin, wollen Sie Anwältin werden? Oder wollen Sie es in diesem Beruf einmal versuchen, weil Ihnen andere Zugänge verschlossen sind? Wenn Sie Anwältin werden wollen, wenn sich Ihr Wille darauf richtet, diesen Beruf auszufüllen, dann werden Sie Anwältin, dann werden Sie auch eine gute Anwältin. Dieses Wollen muss nicht amBeginn des Berufs stehen. Der Appetit kann beim Essen kommen.

Daraus folgt für ein Bewerbungsgespräch: Sagen Sie, dass Sie Anwältin werden wollen. Breiten Sie vor Ihrem möglicherweise zukünftigen Arbeitgeber nicht die Palette der Möglichkeiten aus, die Sie auch interessieren. Und sodann psychologisch notwendig: Ich will den Anwaltsberuf bei Ihnen erlernen
(demmöglicherweise zukünftigen Arbeitgeber, demSie gegenüber sitzen). Und sagen Sie dies auch, wenn es noch ein wenig Theater ist. Ein guter Prozentsatz Ihrer zukünftigen Tätigkeit als Anwältin wird (hier gibt es keinen Geschlechterunterschied) ohnehin das Theaterspielen sein.


Es gibt Sozietäten, die schmücken sich mit der Aussage: Bei uns kann nie eine Frau Sozia werden. Sie könnten sagen: Gerade hier will ich mich bewerben. Diesen Männern und Machos muss man beweisen, was Frauen leisten. Lassen Sie es.


Warum wollen Sie Ihre Kraft dadurch verschwenden, dass Sie gegenWände anlaufen? Gibt es typische Spezialisierungen für Anwältinnen? Faktist, dass sich tatsächlich zum Beispiel überproportional Frauen mit Familienrecht befassen. Das hat nichts mit einer genetischen Vorherbestimmtheit für familienrechtliche Mandate zu tun. Sehen Sie sich die Steuerberater an. Ein hoher Prozentsatz der Steuerberater ist weiblich. Ein hoher Prozentsatz der Finanzbeamten ist weiblich. Jeder Kollege kann Ihnen berichten, dass
Frauen in allen Rechtsgebieten erfolgreich sein können. Mandanten-Männer wollen Kompetenzen. Finden sie diese Kompetenz bei einer Anwältin, spielt das Geschlecht keine Rolle. Von der Familie, den Kindern zu sprechen, sollte eigentlich in einem solchen Erfahrungsbericht im Mittelpunkt stehen. Wenn Sie, liebe Kollegin, Kinder kriegen wollen, so wird dies von Ihren Kollegen akzeptiert. Sie müssen es nur „organisiert haben“. Sie dürfen die „Entschuldigung Kind“ nicht bei jeder Gelegenheit ins Feld führen. Organisation heißt: Die Versorgung der Kinder muss sichergestellt sein. Und es muss die Vertretung der Kinderversorgung geregelt sein. Zu oft habe ich den Satz gehört und gebraucht: „Ihre Kinderfrau ist krank, haben Sie denn keinen Ersatz?“ Wenn die Ordnung organisiert ist, kann dies Ihnen eine Befriedigung bringen, die Ihr Kollege nicht hat. Eine Anwältin sagte mir: „Im Beruf ist es schön. Und wenn ich hier die Nase voll habe, gehe ich zu meiner Familie. Und in meiner Familie und bei meinen Kindern ist es schön. Und wenn ich von ihnen die Nase voll habe, gehe ich wieder ins Büro“.

Und schließlich für das Bewerbungsgespräch: Arbeitsrechtlich mag es unzulässig sein, eine Frau, eine Familie nach der Kinderplanung zu befragen. Warum diese Frage nach den natürlichsten Ereignissen und Plänen dieser Welt unzulässig ist, kann ich ohnehin nicht einsehen. Natürlich stelle ich keine verbotenen Fragen in einem Bewerbungsgespräch. Wenn die Kollegin aber das Gespräch hierüber anbietet, kann ich es aufnehmen. Die zukünftige Familie meiner Angestellten und vielleicht meiner zukünftigen Sozia ist für unsere Sozietätsplanung sehr wichtig, existenziell für die gesellschaftliche Verbindung. Und es ist eigentlich absurd, dieses Thema auszuklammern. //

Der Autor ist Präsident des Deutschen Anwaltvereins von 1998 bis 2003 gewesen und Vater dreier Töchter.

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