existenzgründung
Raus aus der Großkanzlei...
„...und als Spezial-Boutique in der Königsklasse mitspielen“
Text: Frank Christiansen
Sie waren Partner einer internationalen Großkanzlei, hatten es eigentlich schon geschafft. Achim Glade, Arndt Michel und Markus Wirtz waren dort angekommen, wohin sich viele Nachwuchsanwälte sehnen. Doch dann haben sie noch einmal von vorne angefangen. Der Start war trotz aller Vorbereitung durchaus chaotisch.Weil sie sich mit ihrer bisherigen Sozietät kurzfristig auf ein vorzeitiges Ausscheiden einigen konnten, gründeten Achim Glade,Arndt Michel und MarkusWirtz ihre eigene Kanzlei in Düsseldorf quasi über Nacht als Hausbesetzer: „Der Eigentümer der Bürofläche wusste noch gar nichts von uns als neuen Untermietern“, berichten Glade und Michel aus den turbulenten Tagen im Juni 2007. Ein Streik bei der Telekom verbannte die Anwälte zu allem Überfluss zwei Wochen lang ans Handy als einzigem Kontakt zur Mandantschaft. „Die Stühle haben wir uns von zu Hause mitgebracht und gearbeitet haben wir an ausrangierten Zeichentischen.“ Doch bei allen organisatorischen Sorgen – finanziell war der Start der promovierten Anwälte sehr bald in trockenen Tüchern. „Fast alle Mandanten haben schnell entschieden, dass sie mitkommen. Wir hatten eher Sorge ums zweite Jahr: Bekommen wir auch die Folgemandate?“ Die Sorge erwies sich als unbegründet und an den provisorischen Start und die Gründer-Euphorie erinnert heute nur noch einer der alten Tische – er hat in der Bibliothek überdauert. Heute residiert die Spezial-Boutique auf nüchtern-modernen 750 Quadratmetern in Düsseldorf in der Nähe der Königsallee – einen Steinwurf entfernt von Hengeler Mueller und Clifford Chance. Ein orangefarbener Streifen läuft als Corporate Design-Element über die gläsernen Bürotüren.
Die Typen aus der Werbung
In der Zunft erregte die Ausgründung mit einer ungewöhnlichen Werbekampagne Aufsehen. Als Comic-Figuren taucht das Trio ab 2007 in seinen Anzeigen in den einschlägigen Fachmedien auf – Selbstironie gepaart mit reichlich Selbstbewusstsein in der Ansprache: „Es geht um viel. Es können nur wenige.“ Die Kampagne habe „enormen Rückenwind gegeben“, sagt Glade rückblickend. „Wir hatten einen Sympathiebonus – ,da kommt der Typ aus derWerbung‘, hieß es.“ Um ein Haar hätte es die Kampagne dennoch gar nicht gegeben:„Im ersten Moment waren wir alle dagegen: Witzige Idee, aber so kann man sich nicht ernsthaft als Anwalt abbilden lassen.“ Am Ende siegte die Überzeugungsarbeit der Werbeagentur – und inzwischen sind die Beworbenen mit der Kampagne mehr als zufrieden: „Wir haben einen Bekanntheitsgrad, der mit unserer Größe sonst kaum zu erreichen wäre.“Keinen Full Service, nur Gesellschafts- und Kartellrecht (Corporate & Competition) als seltene Kombination, das aber in bestmöglicher Qualität, so lautet das Geschäftsmodell. Inzwischen arbeiten elf Volljuristen für Glade Michel Wirtz (GMW), sieben Gesellschafts- und vier Kartellrechtler. Die Kanzlei konnte ihre Stundensätze auf bis zu 450 Euro erhöhen und im Krisenjahr 2009 ein Umsatzplus von rund 20 Prozent einfahren. Zu den Mandanten zählen mehrere Dax-30-Unternehmen, internationale Konzerne und ausländische Staatsfonds. Hauspolitik ist es, die Mandanten nicht zu nennen.
Kopierer und Kaffeemaschine
Glade, Michel und Wirtz haben ihre Karriere bei Hengeler Mueller begonnen und waren vor ihrer Ausgründung Partner bei einer internationalen Großkanzlei. Aber warum macht man sich als Partner in einer solch komfortablen Position selbständig, riskiert seine Rücklagen, um sich dann auch noch um Dinge wie die Kaffeemaschine und den Kopierer kümmern zu müssen? „Wir konnten uns unser Wunschteam aussuchen, unser Arbeitsumfeld selbst gestalten und auf Massengeschäft verzichten – zum Nutzen der Qualität. Außerdem fahren wir heute mit deutlich mehr Freude zur Arbeit.“ Finanziell hat sich der Schritt übrigens ebenfalls gelohnt, auch wenn die Kanzlei keine Aufträge annehmen kann, die ein Heer von Anwälten benötigen. Käufe oder Verkäufe von Unternehmen, Re- und Umstruktierungen oder Kartellverfahren, Beratung von Aufsichtsräten und Vorständen – das ist das Geschäft von GMW: „Wenn das Kartellamt eine große Durchsuchung durchzieht, geht es bei uns hoch her.“ Das Trio setzt auf Netzwerke: „Wenn wir einen Arbeits- oder Steuerrechtler brauchen, empfehlen wir die Kanzlei, die das am besten abdecken kann und haben auch kein Problem damit, eine Großkanzlei mit ins Boot zu nehmen.“ Umgekehrt kommen auch Mandate von dort – nicht nur bei Interessenkollision.
Kein großes Bohei
„Man lernt auch, unternehmerisch und kaufmännisch zu denken.Dass es auch wichtig ist, wann ein Mandant seine millionenschwere Rückstellung auflösen kann“, sagt Glade. „Und man lernt, dass es nicht immer Sinn macht, alle Kosten bis ins Detail zu optimieren – weil der dafür erforderliche Aufwand einfach dagegen steht.“ „Es war auch erhellend zu sehen, dass das Organisatorische bei unserer Größenordnung gar nicht so wild ist“, ergänzt Michel. „Wir konnten uns unsere eigene Fläche und Unternehmenskultur hier nach unserem Geschmack schaffen.“ Und: „70 Partner auf einen gemeinsamen Kurs einzuschwören erfordert natürlich einen viel längeren Prozess als bei uns.“ Für das Organisatorische ist zudem inzwischen eine Diplom-Betriebswirtin als Büroleiterin zuständig.„Schwieriger als erwartet ist es, wirklich gute Leute zu bekommen“, sagt Glade. Das liegt auch am Anspruch an die Bewerber: Prädikatsexamina und Promotion müssen die Kandidaten mitbringen, Auslandserfahrung oder noch ein Zusatztitel sind gerne gesehen. Die Kanzlei ringt also mit den Marktführern wie Freshfields oder Linklaters um die gleichen Leute mit herausragendem Potenzial. Mit fünf weiteren Kanzleien hat GMW deshalb den „Jur Day“ aus der Taufe gehoben. Eine Bewerbermesse in Berlin, für die sich zuletzt 300 Interessenten auf 60 Plätze meldeten – „auch wenn es manchem vielleicht nur um ein nettes Gratis-Wochenende in Berlin ging“. Egal: „Ein Headhunter wäre teurer gewesen. Das war jeden Cent wert.“ Außerdem versuchen Glade, Michel und Wirtz, sich mit der Unternehmenskultur abzuheben: „Wir haben hier keine Blut und Tränen-Kultur. Hier muss keiner abends Zeit absitzen, damit es besser aussieht. Und es gehört auch nicht zum guten Ton, am Samstag rein zu kommen.“ Mit weniger Arbeit können die angehenden Associates dennoch nicht unbedingt rechnen, aber: „Wir bemühen uns, auch auf familiäre Belange Rücksicht zu nehmen.“
Letztlich laufe es schon auf einen 12-Stunden-Tag hinaus,wenn man dieses Geschäft machen wolle. „Sie können den Mandanten nicht erzählen, nicht erreichbar zu sein.“ Dennoch: „Die Leute, die hier sind, sind gerne hier – glauben wir jedenfalls.“ //